Vom Ballsaal zur Disco: Neun Tänze im Grundkurs.

Ausgerechnet der Walzer sorgte einmal für einen Skandal. Heute steht er für festliche Bälle und den ersten Tanz als Hochzeitspaar. Früher empörten sich Menschen darüber, wie eng sich die Paare dabei hielten und miteinander drehten. Was einmal anstößig war, gilt längst als Inbegriff guter Gesellschaft.
Solche Wendungen stecken hinter den Tänzen, die ihr bei uns im Grundkurs kennenlernt. Neun sind es: Wiener und Langsamer Walzer, Tango Argentino, Foxtrott, Boogie, Rumba, Cha Cha Cha, Merengue und Discofox. Ihre Geschichten führen von europäischen Ballsälen über amerikanische Tanzflächen und kubanische Orchester bis in die Discozeit.
zwei Walzer und ein früherer Skandal
Die Wurzeln des Wiener Walzers liegen in älteren mitteleuropäischen Drehtänzen wie dem Ländler. Seine Verbreitung verlief keineswegs geräuschlos: 1794 durfte man ihn am preußischen Hof nicht tanzen. Beim Wiener Kongress, gut zwanzig Jahre später, gehörte er dann zu den gefeierten Tänzen.
Aus dem umstrittenen Vergnügen wurde der Tanz, den wir heute mit großen Sälen und rauschenden Ballnächten verbinden. Wenn ihr im Kurs zum ersten Mal gemeinsam durch eine Drehung kommt, erlebt ihr etwas von dem Reiz, der ihn damals so aufregend machte.
Zur Familie gehört auch der Langsame Walzer. Er wurde im englischen Gesellschaftstanz weiterentwickelt und bekam seine eigene Technik. Der Dreiertakt verbindet die beiden; das Gefühl unterscheidet sich deutlich. Beim Langsamen Walzer bleibt mehr Zeit, eine Bewegung gemeinsam auszukosten. Darum begegnen euch im Grundkurs zwei Walzer mit jeweils eigenem Charakter.
Tango Argentino: Zwei Städte teilen sich einen Tanz.
Buenos Aires liegt am einen Ufer des Río de la Plata, Montevideo am anderen. Beide Städte gehören zur Geschichte des Tango Argentino. In ihren Vierteln trafen europäische Einwanderer, Menschen afrikanischer Herkunft und die kreolische Bevölkerung aufeinander. Aus diesem Zusammenleben wuchs eine Kultur, in der Musik, Gedichte und Tanz zusammengehören.
Deshalb haben Argentinien und Uruguay den Tango auch gemeinsam bei der UNESCO eingebracht. Seit 2009 gehört er zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Den Tanz mit dem Namen „Argentino“ teilen sich also zwei Länder.
Auf der Tanzfläche zeigt sich sein besonderer Reiz schon in wenigen Schritten: gemeinsam gehen, kurz warten, die Richtung ändern. Eine Pause kann genauso viel zur Musik beitragen wie eine Bewegung. Dafür braucht ihr vor allem Aufmerksamkeit füreinander.
Foxtrott und Boogie: Neue Musik reist über den Atlantik.
Anfang des 20. Jahrhunderts bringt amerikanische Musik Bewegung in die Ballsäle. Ragtime und später Jazz verändern, wozu die Menschen tanzen. Der Foxtrott wird in den 1910er-Jahren so beliebt, dass selbst frühe Blues-Aufnahmen als „Foxtrot“ gekennzeichnet werden: Auf der Platte steht damit gleich eine Empfehlung, was man dazu tanzen kann.
Der Tanz kommt nach Europa und entwickelt sich dort weiter. Aus seiner Familie gehen auch Slowfox und Quickstep hervor. Im Grundkurs begegnet euch der Foxtrott als unkomplizierter Weg, gemeinsam über die Fläche zu kommen.
Später reisen mit amerikanischen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs auch Swingtänze nach Europa. Hier entwickeln sich unterschiedliche Stile; auf dem europäischen Festland entsteht daraus der Boogie-Woogie. Seine Swing-Verwandtschaft ist bis heute spürbar: ein federnder Rhythmus, Platz für spontane Ideen und dieses Vergnügen, einen Akzent in der Musik gemeinsam zu erwischen.
Rumba und Cha Cha Cha: ein Erdnussverkäufer und hörbare Schritte
1930 reist der kubanische Bandleader Don Azpiazú mit seinem Orchester nach New York. Im Gepäck hat er „El Manisero“ – ein Lied vom Erdnussverkäufer. Es wird ein riesiger Erfolg, andere Orchester spielen es nach, Hollywood greift es auf. Kubanische Tanzmusik erreicht ein Millionenpublikum.
In den USA läuft damals vieles davon unter dem Namen „Rumba“. Auf dem Weg von Kuba in Nachtclubs, Filme und Tanzschulen verändern sich Musik und Tanz. Die Rumba, die ihr heute im Gesellschaftstanz lernt, hat ihre Wurzeln besonders im kubanischen Son und wurde international weiterentwickelt. Die traditionellen afro-kubanischen Rumbaformen haben daneben ihre eigene Geschichte. Hinter dem gemeinsamen Namen steckt also mehr, als man auf den ersten Blick vermutet.
Beim Cha Cha Cha führt der Name dagegen direkt auf die Tanzfläche. Der kubanische Geiger und Komponist Enrique Jorrín leitet ihn vom Geräusch der Füße ab, die bei den Schritten über den Boden streichen: cha-cha-chá. Anfang der 1950er-Jahre schreibt er für die Orquesta América die Musik, mit der der neue Tanz bekannt wird.
Wenn ihr im Kurs die drei kurzen Schritte tanzt, sprecht ihr also gewissermaßen seinen Namen mit den Füßen. Viel näher können Musik, Bewegung und Sprache kaum zusammenkommen.
Merengue: Ein Tanz bekommt seinen eigenen Feiertag.
In der Dominikanischen Republik hat Merengue einen festen Platz im Alltag. Er begleitet Familienfeste, öffentliche Feiern und sogar Wahlveranstaltungen. Viele lernen ihn schon als Kinder: Sie schauen zu, machen mit und übernehmen die Bewegungen von anderen.
Wie eng der Tanz mit dem Land verbunden ist, zeigt ein Datum: Der 26. November ist dort seit 2005 offiziell der nationale Merengue-Tag. So feiert das Land einen Tanz, der die Menschen das ganze Jahr begleitet.
Sein gleichmäßiger Grundrhythmus macht den Einstieg auch bei uns leicht zugänglich. Im Grundkurs könnt ihr euch damit früh auf das gemeinsame Bewegen konzentrieren. Der Wechsel von einem Fuß auf den anderen wird zur Grundlage für Drehungen und das Zusammenspiel im Paar.
Discofox: Die Discokugel dreht sich, das Paar auch.
In den 1970er-Jahren verändert die Disco- und Popmusik erneut die Tanzflächen. Zu den neuen Beats entstehen neue Formen des Paartanzes: In den USA entwickelt sich der Hustle, in Europa der Discofox. Dabei verbinden sich Elemente schon bekannter Tänze zu etwas, das zur Musik der Zeit passt.
Discofox hat die Discozeit längst überlebt. Der gleichmäßige Beat vieler Pop- und Schlagerstücke gibt den Rhythmus vor. Die Drehungen passen auf viele Party-Tanzflächen. Genau deshalb begegnet er euch im Grundkurs: Die nächste Gelegenheit, ihn zu tanzen, kann schon die nächste Feier sein.
Vom einst anstößigen Walzer bis zum Discofox haben Menschen immer neue Wege gefunden, miteinander zur Musik zu tanzen. Im Grundkurs lernt ihr neun davon kennen. Vielleicht hört ihr beim nächsten Cha Cha Cha auf einmal die Füße mitsprechen. Oder ihr denkt beim Walzer daran, dass dieser festliche Tanz einmal für ziemlich viel Aufregung gesorgt hat.
Quellen und Hintergrund
- DTV: Wiener Walzer, Foxtrott und Quickstep
- ISTD: Entwicklung des modernen Gesellschaftstanzes
- UNESCO: Tango
- Library of Congress: Blues, Jazz und Foxtrott
- WRRC: Geschichte des Boogie-Woogie
- Wolfsonian-FIU: Kubanische Tanzmusik erobert das Kino
- Smithsonian Folkways: Die Entstehung des Cha Cha Cha
- UNESCO: Merengue
- Stadtsportbund Halle: Discofox